Zum Hauptinhalt springen

Deutscher Meister

Deutscher Pokalsieger

Europacup-Sieger

News

Nehemiah Mote: Viel mehr als nur der „Team Daddy“

Sa 18.10.2025
Fotos: Justus Stegemann, Lenny Gora
Fotos: Justus Stegemann, Lenny Gora

Der Klassiker zum Auftakt der Bundesliga-Saison zwischen dem 15-maligen Deutschen Meister BR Volleys und dem 13-maligen Titelträger VfB Friedrichshafen am Dienstag (21. Okt um 19.30 Uhr) in der Max-Schmeling-Halle ist traditionell reich an Emotionen. Für Nehemiah Mote sogar noch ein bisschen mehr, denn bevor der Australier 2021 nach Berlin wechselte, spielte er zwei Jahre lang für den Klub vom Bodensee. Mittlerweile ist er in der Hauptstadt zur Institution geworden, zu einem Fan-Liebling, wurde viermal Meister, dreimal Pokalsieger und ist mit 32 Jahren der Senior im Team. Spaßeshalber wird er auch „Team Daddy“ genannt. Dabei ist er viel mehr als das.  

Beispielsweise behauptet das Matthew Knigge, einer seiner Konkurrenten auf der Position des Mittelblockers. „Es ist großartig, Nemo als Mitspieler zu haben“, sagt der US-Amerikaner. Es beginne mit der Art, wie er Mote als Kollegen Tag für Tag erlebt. „Er ist einer der erfahreneren Leute und einer der härtesten Arbeiter – der Erste, der zum Training kommt, und der, der am längsten da ist. Das fördert die Kultur des Teams, das wir sein wollen.“ Was die sportliche Reputation angeht, bestehen sowieso keine Zweifel. Knigge beschreibt es so: „Ich komme von der WM zurück, wo natürlich die besten Spieler der Welt dabei sind. Auch im US-Team wird auf höchstem Niveau trainiert.“ Für viele Profis, die von solch einem Wettbewerb heimkehren, sei das Vereinstraining danach ein kleines Downgrade. „Aber ich komme in die Trainingshalle, ich spiele gegen Nemo – und da ist überhaupt keine Veränderung beim Niveau“, sagt Knigge, „er ist in meinen Augen ein internationaler Top-Level-Mittelblocker.“  

Ähnlich positiv reagiert Moritz Reichert. „Nemo ist einer der besten Teamkollegen, die man sich vorstellen kann“, sagt der der deutsche Nationalspieler, „er ist immer da, immer motiviert und ist sich auch nicht zu schade, Aufgaben um das Training herum zu übernehmen.“ Geradezu begeistert äußert sich der BR Volleys Cheftrainer über seinen Co-Kapitän. „Nemo hat viele individuelle Qualitäten auf seiner Position, aber auch fantastische Qualität, wenn wir über seine Persönlichkeit sprechen“, analysiert Joel Banks. „Er ist eine liebenswerte Person, ein guter Kerl, verträgt sich mit allen gut, ist der Leim, der alle zusammenhält. Wenn er spricht, hören alle zu. Er hat immer ein freundliches Wort für jeden und versucht, allen zu helfen auf ihrem Weg. Nemo ist also ein sehr wichtiger Spieler für unser Team, nicht nur unter der Volleyball-Perspektive. Sondern auch wegen dem, was er in die Gruppe trägt.“ Fleiß, Zusammenhalt, Qualität, Freundlichkeit – Werte, die immer wieder genannt werden, wenn von dem Australier mit samoanischen Wurzeln die Rede ist. Als Sportler wie als Mensch. Aber wie tickt dieser ungewöhnliche Mann, der sicher einer der spannendsten Typen ist, die je für die BR Volleys gespielt haben?

2025 10 18 6

Anfang des Jahres hat der Australische Volleyballverband, für den Mote mehr als 200 Länderspiele bestritten hat, ein Interview mit dem Mittelblocker geführt. Einige seiner Antworten sagen sehr viel über ihn aus. „Ein Athlet zu sein, besonders im Teamsport“, heißt es da etwa, „bedeutet Selbstaufgabe und das Verstehen, dass du Teil von etwas Größerem bist, ohne deine Individualität zu opfern.“ Seiner Herkunft, auf die Tattoos auf seinem Körper und an seinen Beinen hinweisen, gibt Mote große Bedeutung. „Samoaner zu sein und dessen Wichtigkeit für mich war sehr wirkungsvoll für meine Karriere“, beschreibt er sich selbst, „Samoaner zu sein, beeinflusst wie ich gehe, wie ich spreche und wie ich andere behandle.“ Nicht fehlen darf das Wichtigste in seinem Leben, die Familie: „Alles, was ich brauchte, um meinen Weg zu gehen und die Reise zu bestehen, verdanke ich meinen Eltern. Was ich brauchte, um Schwierigkeiten und Widrigkeiten zu ertragen, verdanke ich meiner Frau. Die Erinnerung daran, immer Freude zu finden, verdanke ich meinen Kindern.“

Motes Weg war kompliziert. Aufgewachsen mit acht Geschwistern, hatte Geld für den Sport keine Priorität in der Familie. Erst mit 19 Jahren begann der 2,03 Meter große Mann mit dem Volleyball, „nicht, weil ich Profi werden wollte. Ich wollte lernen, wie man einen Ball schmettert“. Ein Jahr später war er Nationalspieler. Ein weiteres Jahr später folgte sein erstes Bundesliga-Engagement beim TV Bühl. Er überzeugte auf Anhieb, weshalb die BR Volleys ihn 2016 zum ersten Mal verpflichteten. Doch im Sommereinsatz mit der Nationalmannschaft verletzte sich Mote schwer am Knie, musste operiert werden, der Vertrag wurde aufgelöst. Eine Leidenszeit begann für den abrupt gebremsten Senkrechtstarter. Immerhin gelang mit den „Volleyroos“, dem australischen Nationalteam, 2017 unerwartet die WM-Qualifikation nach Siegen über Italien, Serbien und Russland. Mote postete bei Instagram zum Jubelfoto: „Die Stärke des Wolfs ist das Rudel.“ Danach heuerte er beim Schweizer Erstligisten Volley Amriswil an, vertrat sein Land bei der WM in Italien und Bulgarien.

2025 10 18 5

Einen Klub fand er anschließend jedoch nicht, nahm stattdessen in Australien Jobs auf dem Flughafen, als Gärtner und als Hausmeister an. Wollte Volleyball schon Volleyball sein lassen. Doch seine Frau Tamara bestand darauf, nicht aufzugeben: „Du hast dem Volleyball noch etwas zu geben!“ Der Rat war gut. 2019 kam ein Anruf vom: VfB Friedrichshafen. Nehemiah Mote meldete sich mit starken Leistungen zurück in der Bundesliga. „Wir haben dort zwei Jahre gelebt, die Luft war besser als hier, wir haben die Zeit sehr genossen“, erinnert er sich lachend, „nicht allein, weil man mir die Chance geboten hat nach meiner Verletzungspause. Sie waren diejenigen, die mir die Option gaben, ins Spiel zurückzukehren.“ Insgesamt empfand er die Menschen im Umfeld des Klubs als großartig, hat bis heute Kontakt zur Geschäftsstelle, und es gibt ein paar weitere Leute in der Stadt, die ihn bei Besuchen noch freundlich begrüßen. „Ich verstehe die sportliche Rivalität“, sagt er, „aber ich habe nicht diese Animosität gegenüber Friedrichshafen, wie sie manche Berliner haben.“  

Dankbarkeit – auch dafür steht Mote. „Ich bin gesegnet“, sagt er schlicht über sein Leben. Der Volleyball habe ihm ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Sein Talent und seine Größe verhalfen ihm zu einem Stipendium. Er war der Erste in seiner Familie, der studierte. Da er selbst keine hohen Ansprüche stellt, konnte er seine Familie in Australien danach finanziell mit einem Teil seines Gehalts unterstützen. Und dann seiner eigenen Familie Abenteuer bieten. Fremde Länder und Kulturen kennenzulernen: „Wer hätte das für möglich gehalten?“ Mittlerweile haben sich die Motes in Berlin ein Zuhause eingerichtet. Auch ein neues Stück Heimat? „Niemand bleibt fünf Jahre an einem Ort, den er hasst“, kommt zur Antwort, „einer unserer drei Söhne ist hier geboren, wir haben von hier aus unsere Hochzeit geplant. Unsere Kinder haben ihren ersten Kitatag hier erlebt, ihren ersten Schultag. Ganz sicher ist Berlin ein spezieller Ort für uns. Wir haben jeden Moment hier genossen, die Ups und die Downs.“ Wie es weitergeht nach dieser Saison, ist allerdings offen: „Der Körper bestimmt das. Und was die Familie sagt. Wir besprechen das immer in der Familie.“ Die Familie ist die Nummer eins, „der Kompass im Leben. Sie ist da, wenn du auf die Welt kommst. Und wenn dein Ende kommt, ist sie auch da.“

2025 10 18 3

Eines steht für ihn allerdings fest: Irgendwann kehrt er zurück nach Australien, noch später vielleicht nach Samoa. Und dass er nicht Volleyballprofi bleiben will, bis er 40 Jahre alt ist. Zum Glück ist das ja noch ein bisschen hin.

Tickets für den großen Heimauftakt gegen Motes Ex-Verein aus Friedrichshafen und alle weiteren Bundesliga-Heimspiele bis zum Jahreswechsel gibt es hier: www.br-volleys.de/tickets

News teilen